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Issue 6.2
Editorial
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Der kranke Löwe auf der Couch
Guenther Roth

Der kranke Löwe auf der Couch
(Neue Zürcher Zeitung, 18. 10. 2005)
Der Soziologe Max Weber als nervöser Patient bei Joachim Radkau

Von Andreas Anter
Max Weber war ein Meister ohne Schüler. Nachdem er schon früh seine Professur hatte aufgeben müssen, verbrachte er den Grossteil seines akademischen Lebens als Privatgelehrter. Auch sein Weltruhm begann erst Jahrzehnte nach seinem Tod. Aber dafür umso heftiger und nachhaltiger: Weber wurde zur Sphinx der modernen Sozialwissenschaft. Die internationale Weber- Industrie blüht mehr denn je, und wer seine eigene Weber-Interpretation durchsetzen kann, bestimmt den Fortgang der Sozialwissenschaft. Frei nach Francis Bacon: "Weber ist Macht."

Zu diesem Schluss kommt auch der Bielefelder Historiker Joachim Radkau, der in seinem schwergewichtigen Buch Max Webers Werk und Person in den Blick nimmt. Um es vorwegzunehmen: Dies ist nach fast achtzig Jahren die erste Weber-Biografie, die diesen Namen verdient. Während alle bisherigen Versuche lediglich dünne Kondensate von Marianne Webers 1926 erschienenem "Lebensbild" Max Webers waren, legt Radkau nun erstmals eine umfassende Studie vor, die Leben und Werk des Titanen systematisch verknüpft und selbst Weber-Kennern neue Einsichten bietet. Der Autor kann sich auf Quellenmaterial aus Archiven und Privatbeständen stützen, das bisher kaum zugänglich war - vor allem auf die Tagebücher Marianne Webers und unveröffentlichte Korrespondenzen.

Wissenschaft und Leidenschaft

Wer sich auf Max Weber einlässt, den lässt er nicht kalt. So ist die "Leidenschaft", die der Autor als Untertitel seines Buchs wählt, auch in seiner Auseinandersetzung mit Weber zu spüren. Radkau, in der Technik- und Medizingeschichte hervorgetreten, war bisher in der Weber-Forschung ein unbeschriebenes Blatt. Das muss kein Nachteil sein, denn aus der Distanz sieht man manches genauer. Er hat sich akribisch in Webers monumentales Werk eingearbeitet, verfolgt einzelne Aspekte bis in feinste Verästelungen und ordnet sie in historische und biografische Zusammenhänge ein. Ihm geht es um den ganzen Weber - von der Dissertation und den Börsen-Schriften über die Herrschafts- und Musiksoziologie bis hin zu den Liebesbriefen. Dabei kommt Radkau erheblich zugute, dass er sich kundiger Expertisen von Weber-Experten wie Wilhelm Hennis, Christoph Braun und M. Rainer Lepsius versichert hat. Während die Weber-Literatur von Freund-Feind- Konstellationen geprägt ist, übt Radkau wohltuend Gerechtigkeit - was in Anbetracht der oft idiosynkratischen Weber-Literatur fast asketisch anmutet. - Die Biografie zeichnet Webers Lebensweg nach: vom jugendlichen Studenten, der seine Kommilitonen unter den Tisch säuft, über den frischgebackenen Professor für Nationalökonomie, der die Deutschen zu einer entschlossenen imperialistischen "Weltpolitik" aufruft; den Workaholic, der mit seiner Arbeitswut vor der Depression flieht, schliesslich zusammenbricht, die Professur aufgibt und jahrelang erfolglos in Sanatorien therapiert wird; den Privatgelehrten, der mit seinen Studien zur protestantischen Arbeitsethik reüssiert und sich seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf Macht und Herrschaft, Rationalisierung und Charisma konzentriert, bis hin zum Rekonvaleszenten, dessen Lebenstempo sich in Liebe, Wissenschaft und Politik rasant steigert, bis er 1920 unerwartet stirbt.
Immer wieder wird deutlich, wo der Ursprung von Radkaus Interesse an Weber liegt: bei seinem Forschungsthema, den Nerven. Der Autor eines Buchs über "Das Zeitalter der Nervosität" findet in dem "kranken Löwen" ein dankbares Studienobjekt, weit über Webers Nervenkrankheit hinaus. Weber liegt bei Radkau immer auf der Couch. Dies beginnt bereits bei der Diagnose einer inzestuösen Objektwahl. Verliebt in die Schwester, (fast) verlobt mit der Cousine, heiratet Max Weber schliesslich seine Grossnichte: Marianne. Das geht nicht gut. Die Ehe ist in sexueller Hinsicht ein Desaster. Weber leidet an einer sexuellen Blockade, die er erst sehr spät, als Fünfzigjähriger, lösen kann: durch seine Liebesbeziehungen zu der Pianistin Mina Tobler und der verführerischen Else Jaffé.
Erst die Liebe zu Else macht Weber wieder gesund: Er strotzt vor Schaffenskraft und kann wieder vor vollen Sälen reden. Else erfüllt seine intimsten Wünsche. Die Liebesbriefe sind das Dokument einer masochistischen Unterwerfung: die "herbe harte Art - oh und wie bezaubernd steht sie Dir!", schreibt er an seine "Sklavenhalterin": "oh lass Deine ‹Teufel› mich gründlich plagen, ich liebe sie so!" Weber glaubt sich bei Else im Venusberg und sieht sich selbst als Tannhäuser - nur dass er, anders als Wagners Opernheld, nicht mehr aus dem Venusberg heraus will. Radkau entwirft das Panorama einer Gelehrtenrepublik, die zu einem grossen Teil aus neurotischen Existenzen besteht. Durch seine psychologisierende Perspektive verengt sich der Blick: Fast alle Forschungsthemen Webers werden als Reflex intimer oder privater Anlässe gedeutet. Die Studie zur "Psychophysik"? - Ein "Schattenboxen mit dem Bruder". Der Begriff des Charismas? - Taucht "zu einer Zeit auf, als Weber an sich selbst unversehens eine Erfahrung der Gnade gemacht und eine Ahnung von Erlösung bekommen hatte". Die Rechtssoziologie? - Entsteht in einer Zeit, "in der Weber sich selber in einer wahren Orgie der Rechthaberei erging". Selbst die Legitimitätstheorie wird auf Webers "Drang nach Selbstrechtfertigung" zurückgeführt.

"Sitz im Leben"?

Nun wird niemand bestreiten, dass jede Wissenschaft einen "Sitz im Leben" hat, aber bei dessen Bestimmung schiesst der Autor oft über das Ziel hinaus. Da er überdies die Forschungsliteratur nur kursorisch berücksichtigt, kommt er zu einigen Urteilen, die man nicht zu teilen vermag. Wenn er etwa die eine oder andere "merkwürdig wenig beachtete Stelle" des Werks zitiert, handelt es sich stets um Stellen, an denen sich die Weber- Forschung schon längst die Schuhsohlen abgelaufen hat. Während die familiären und intimen Beziehungen tief ausgelotet werden, bleiben einige freundschaftliche und wissenschaftliche Beziehungen Webers hingegen unterbelichtet, vor allem die zu Georg Jellinek, der mit ihm eng befreundet war und auf ihn erheblichen Einfluss ausübte.
Zu den interessantesten Partien dieses Buchs gehören die Betrachtungen zu Webers Denk- und Schreibprozess sowie zu der Frage, wie Weber an seine Themen und Fragestellungen heranging. Dankbar ist man Radkau zudem für die Bekräftigung der Einsicht, dass es Weber, anders als viele Interpreten annehmen, fern lag, irgendwelche evolutionären Aspekte in die Geschichte hineinzuprojizieren. Bleibt die Frage, ob diese Biografie uns Weber näher bringt. Die Antwort lautet: ja und nein.
Radkau bringt viele Facetten ans Licht, die bisher unbekannt waren, aber die einzelnen Bestandteile dieses Puzzles wollen sich nicht zu einem konsistenten Bild fügen. Vielleicht können sie das auch gar nicht, denn Webers Persönlichkeit ist, wie die der meisten grossen Denker, voller Brüche. So gesehen, gibt diese Biografie womöglich ein umso besseres Bild Max Webers.



Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. Verlag Carl Hanser, München 2005. 1000 S., Fr. 77.-.

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